2.4.4 Screenreader unter Linux
Aus SUE
Grundlegende Unterschiede von Linux- zu Windows-Systemen sind zum einen, dass Linux-Systeme zwei Bedienkonzepte parallel anbieten und zum anderen, dass es sich bei der graphischen Oberfläche um ein verteiltes Fenstersystem handelt. Windows hingegen ist kein verteiltes System und in sich monolitisch abgeschlossen.
Historisch gesehen entwickelte sich Linux als eine PC-Variante von UNIX. Als Pionier ist hier der Finne Linus Torvalds zu nennen, der den ersten Kernel für Intel-Prozessoren entwickelte und somit die Entwicklung von Linux ins Rollen brachte. Der Pinguin als Logo soll an die geographische Nähe Finnlands zum Nordpol erinnern. Noch heute kommt UNIX in unterschiedlichsten Ausprägungen auf Großrechnern und Servern zum Einsatz.
UNIX und somit auch Linux sind grundsätzlich zunächst einmal textorientierte Betriebssysteme.
Die graphischen Oberflächen kamen nach und nach hinzu. Eine der ersten Graphik-Oberflächen für UNIX war das System W für Window. Alle heutigen graphischen Oberflächen basieren auf dem Nachfolger X.
Ein Screenreader unter Linux muss diese beiden Bedienkonzepte unterstützen. Die Textoberfläche unter Linux ist kaum mit der Eingabeaufforderung von Windows vergleichbar, da diese als Text-Anwendung in der graphischen Windows-Umgebung läuft, wobei sie unter Linux unabhängig vom graphischen System, Benutzer und Anwendung zur Verfügung steht. Desweiteren ist der Kommando-Interpreter (z. B. bash) wesentlich mächtiger als der CMD unter Windows.
Das strenge Konzept der Benutzer- und Rechteverwaltung unter Linux stellte zunächst einige Probleme für Scrennreader dar, da Schnittstellen und Tastatur nicht zwangsläufig jedem immer zur Verfügung stehen. Deshalb behalf man sich zunächst damit, dass man Screenreader-Funktionalität in das Programm "Screen" einbaute. Hierzu führten blinde Informatik-Studenten der Universität Karlsruhe (TH) in den 90er Jahren Experimente und Entwicklungen durch. "Screen" stellt mehrere virtuelle Textkonsolen in einer realen Linux-Konsole zur Verfügung.
Die Entwicklung wurde dadurch erschwert, dass Anfang der 90er Jahre längst nicht alle Hilfsmittelfirmen die Protokolle für ihre Braillezeilen offenlegten. Der erste systemweit funktionierende Textscreenreader ist brlTTY, der noch immer weiter entwickelt wird, die meisten Braillezeilen unterstützt und gut spezifizierte Schnittstellen zur Informationsübergabe, beispielsweise vom Screenreader an die Braillezeile, zur Verfügung stellt.
Ein ebenfalls sehr populärer Textscreenreader ist der von SUSE entwickelte SBL, dessen Funktionalität mit brlTTY nahezu vergleichbar ist.
Die Tatsache, dass graphische Oberflächen unter Linux immer als verteilte Fenster-Systeme realisiert sind, deren Komponenten sogar auf unterschiedlichen Rechnern laufen können, stellt enorme Herausforderungen an die Implementierung eines Screenreaders für graphische Oberflächen dar.
Ein erster Versuch, dass X-Window-System zugänglich zu machen, war das Projekt "Mercator". Hier wurde versucht, möglichst viel Bildschirminformation aus dem X-Protokoll zu gewinnen. Bald schon stieß man an Grenzen und erkannte, dass Screenreader-Funktionalität sowohl im Server als auch im Fenster-Montierer realisiert werden muss. Dass bedeutet, dass nicht automatisch jede Fensteroberfläche mit jedem Linux-Screenreader zugänglich ist. So können z. B. Anwendungen, die mittels QT oder KDE Framework realisiert sind, mit Orca derzeit nicht bedient werden, da die Widgets der beiden letzteren andere bzw. keine Accessibility-Schnittstellen benutzen.
Wünschenswert ist eine einheitliche Accessibility-Schnittstelle, die über Betriebssystem-Grenzen hinweg Zugänglichkeit garantiert. Die Entwicklung des Interfaces Debus zielen in diese Richtung.
Generell hängt die Zugänglichkeit aktueller und künftiger Linux-Anwendungen nicht nur vom Screenreader ab, sondern davon, wie es den Betroffenen, der Community und der Außenwirkung des SUE-Projektes gelingen wird, Anwendungsprogrammierer von der Notwendigkeit zu überzeugen, Accessibility-Schnittstellen und Funktionalität von Anfang an, in ihren Produkten zu berücksichtigen.
Der einzige Screenreader für Linux-Systeme ist derzeit Orca für die graphische Oberfläche Gnome. Die vielversprechende Entwicklung LSR von IBM wurde seitens der Firma im Frühjahr 2007 eingestellt. Orca unterstützt eine Vielzahl von Braillezeilen, da es auf brlTTY zugreift. Als Sprachausgabe ist für Deutsch momentan leider nur die freie Software Espeak uneingeschränkt verfügbar. Grundfunktionen des Betriebssystems, wie Dateiverwaltung und einfache Texterstellung werden bereits gut unterstützt. Komplexere Anwendungen (Datenbanken, Presenter) sind jedoch nur teilweise zugänglich. Dies hängt auch von den Entwicklern ab, inwieweit sie Accessibility-Schnittstellen in ihren Entwicklungen berücksichtigen.
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